Alt?

Ja.

Dar­über etwas schrei­ben! Das brennt in mir unge­fähr seit­dem ich ange­fan­gen habe, zu akzep­tie­ren, dass es so ist. Nicht zu ver­leug­nen.

Euch mit­neh­men in die „drit­te“ oder sogar die „vier­te“ Lebens­pha­se, Schrei­ben, Erzäh­len, war­um es so cool ist, in die­ser Pha­se spi­ri­tu­ell zu sein, zu wer­den, Spi­ri­tua­li­tät zu ent­de­cken.

Klar, ist auch viel ein­fa­cher, weil man viel mehr Zeit hat, denkt man sich zumin­dest erst­mal so.

Und es gibt genü­gend Men­schen, an denen man sich ori­en­tie­ren könn­te, die dar­über geschrie­ben haben. Altern­de spi­ri­tu­el­le Meis­ter und Meis­te­rin­nen, die uns teil­ha­ben las­sen an ihren Erfah­run­gen. Erzäh­len, wie es ist, in spi­ri­tu­el­lem Wis­sen, Den­ken, zu bemer­ken, dass die­se Ent­wick­lung eine ande­re ist, als die­je­ni­ge, die der Kör­per nimmt.

Das scheint, zumin­dest bei den Autoren, die ich gele­sen habe, auch für spi­ri­tu­el­le Meis­ter und Meis­te­rin­nen eine Über­gangs­pha­se zu sein, die nicht für jeden ein­fach zu ver­ar­bei­ten ist.
Da zei­gen sich Schmer­zen, da zeigt sich ein­ge­schränk­te Beweg­lich­keit, da geschieht der ganz natür­li­che Alte­rungs­pro­zess, der Haut, des Gesichts, der Haa­re, der Zäh­ne, der Augen, der Ohren. Frau­en sind nicht mehr frucht­bar, Män­ner schon, haben dafür aber viel­leicht Erek­ti­ons­stö­run­gen. Frau­en machen Bekannt­schaft mit sich ver­än­dern­der Vagi­nal­schleim­haut. Vie­le klei­ne oder grö­ße­re Geschich­ten, die gesche­hen, in die­sem Kör­per.

Par­al­lel dazu läuft die Ent­wick­lung auf der ande­ren Ebe­ne. Neben dem Erbli­cken der gro­ßen Zusam­men­hän­ge, dem Erken­nen kön­nen des­sen, was wir wirk­lich sind, gibt es etwas, das sich aus­ru­hen möch­te, etwas, das müde ist, sit­zen möch­te, geruh­sam genie­ßen möch­te, was ist.

Und viel­leicht gera­de des­halb zei­gen sich Anfor­de­run­gen, Chal­len­ges.

Ent­we­der im Außen, in der Form, dass ande­re wol­len, dass man etwas tut, sich wei­ter ent­wi­ckelt, dass Situa­tio­nen her­aus­for­dernd sind.
Gleich­zei­tig darf, will und soll die indi­vi­du­el­le Per­sön­lich­keit, das Uni­que Self, etwas in die Welt brin­gen. Etwas ein­zig­ar­ti­ges. Das nur durch die­ses Indi­vi­du­um aus­ge­drückt wer­den kann.
Ein gro­ßes Wol­len. Und Tun. Bis ins hohe Alter. Wei­ter und wei­ter und wei­ter.

Das ist die eine Sei­te.

Auf der ande­ren Sei­te erle­ben wir die Gesell­schaft, unse­re Kul­tur, das Kol­lek­ti­ve. Wo sich seit der indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on vie­les wei­ter­ent­wi­ckelt hat, was, beson­ders im tech­ni­schen Bereich, viel­leicht von älte­ren Men­schen nicht mehr so leicht zu über­bli­cken und erlern­bar ist. Wobei auch das nicht so sein MUSS!

Den­noch, seit der indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on sind Älte­re und Alte zurück­ge­tre­ten, gewie­sen wor­den, aus dem, was sie einst­mals waren, Wei­se, Scha­ma­nen, Rat­ge­ben­de, Men­schen, die befragt wor­den sind wegen ihrer Lebens­er­fah­rung. Men­schen, die hin­ter jun­gen Men­schen stan­den, ihnen in den Job, in den Beruf, die Beru­fung, in die Fami­li­en­grün­dung, ins Leben gehol­fen haben.
Älte­re Men­schen sind gewis­ser­ma­ßen mutiert zu, und sehen sich selbst als Exis­ten­zen ohne Auf­ga­ben, scheu­en davor zurück, neue Auf­ga­ben zu ergrei­fen: „es ist ja sowie­so schon zu spät“ „und jetzt kann ich das nicht mehr“ „was soll das alles noch“ „es muss ja auch nicht mehr sein“…….

Das und Ähn­li­ches hört man aus den Mün­dern der Betrof­fe­nen, liest, hört, und sieht es so oder in ande­rer Form in den Medi­en. Liest es sogar in Büchern, die sich mit genau die­sem The­ma beschäf­ti­gen. Fühlt sich abso­lut nicht nach Fül­le an, auch nicht nach Zufrie­den­heit, nach Gelas­sen­heit.

Wie nun bei­de Sei­ten zusam­men­zu­brin­gen?

Sich klar­ma­chen, war­um die Ent­wick­lung die­sen Weg gegan­gen ist, und ob es nicht not-wen­dig wäre, etwas dar­an zu ändern, und sich auch klar­ma­chen, dass wir damit umge­hen müs­sen!

Wir als Ein­zel­per­so­nen, wir als Grup­pe. Der älter Wer­den­den, der Alten, der Hoch­alt­ri­gen. Klar­wer­den dar­über, dass das Leben enden wird. Die­ser Kör­per. Im gan­zen kom­plet­ten Lebens­zy­klus, in dem wir ein klei­nes Teil­chen sind. Ein klei­nes Teil­chen, das irgend­wann gebo­ren wur­de, und irgend­wann ster­ben wird.

Und etwas wei­ter­ge­ben wird.

Dazu gehört das Bereit­sein, Öff­nen, für Spi­ri­tua­li­tät, für den Glau­ben, dass Gott durch uns hin­durch, als wir, als DU, erschaf­fen will.

Um das alles zu bemer­ken, zu ver­ste­hen, zu ver­in­ner­li­chen und aus die­sem Inner­li­chen her­aus wol­lend zu tun, ist es abso­lut not­wen­dig, dass unser Kör­per uns Signa­le gibt, die uns dahin­füh­ren zu bemer­ken, dass wir eben nicht mehr so schuf­ten kön­nen, wie wir das gewohnt waren. Nicht mehr so ren­nen, klet­tern kön­nen. Nicht mehr so schnell sind. Nicht mehr per­ma­nent auf den Bei­nen sein kön­nen. Ein­fach lang­sam Din­ge abbrö­ckeln, Kräf­te ein wenig weni­ger wer­den. Klar, man kann sie trai­nie­ren, das ist immer mög­lich, aber es wer­den weni­ger.

Akzep­tanz kann man das nen­nen, radi­ka­les Erlau­ben und Aner­ken­nen, dass kör­per­li­che Ein­schrän­kun­gen sich auch wirk­lich kör­per­lich mani­fes­tie­ren in vie­len unter­schied­li­chen Berei­chen. Abnut­zung der Gelen­ke, Ver­lang­sa­mung des Mus­kel­wie­der­auf­baus, Abneh­men der kraft­vol­len, ener­gie­rei­chen Sub­stanz, Ver­här­tung, wie in der anthro­po­so­phi­schen Medi­zin beschrie­ben, Abnah­me von Beweg­lich­keit kom­men hin­zu.

Nur in der lie­be­vol­len Annah­me unse­rer Ver­gäng­lich­keit kön­nen wir uns der inne­ren Beweg­lich­keit, der Offen­heit, der Opfer­kraft zuwen­den.

Das ist es, was wir leis­ten kön­nen und soll­ten und müs­sen, damit wir eben nicht als die­je­ni­gen enden, die in Jam­mer und Ver­bit­te­rung mit dem Rol­la­tor vom Fern­se­her zum Klo schie­ben und wie­der zurück. Und auch das kann gesche­hen!

Und auch dann kön­nen wir aus der Fül­le, die wir uns in unse­rem Leben erar­bei­tet haben, erlangt haben, erlernt haben, dort­hin erleuch­tet wor­den sind, unse­re gesam­te Lebens­er­fah­rung wei­ter­ge­ben.

Die unend­lich vie­len Din­ge, die in einem Leben gesche­hen sind, das 50, 60, 70, 80, 90 Jah­re gewährt hat, die unend­lich vie­len Erfah­run­gen, die wir alle durch­ge­stan­den haben, jeden Lie­bes­kum­mer, Schwan­ger­schafts­ab­bruch, Fehl­ge­burt, Kin­der­pro­ble­ma­tik, Säug­lings­ge­schrei, trot­zen­de Jugend­li­che etc. etc.

Berufs­ab­brü­che, Bil­dungs­ab­brü­che, Tod von nahen Ver­wand­ten, Tod der Eltern, Tren­nun­gen, 1000 Din­ge, die gesche­hen sind, 1000 Din­ge, die wir gemeis­tert haben, genau, wie die gan­zen Erfol­ge im Leben, alles, was gesche­hen ist, was uns getra­gen hat, höher geho­ben hat, erweckt hat, viel­leicht sogar erleuch­tet hat, all die­se wun­der­ba­ren Din­ge sind auch gesche­hen, und all unse­re Sor­gen, die wir uns jemals gemacht haben, ich ver­mu­te, dass nur 0,0009 % davon ein­ge­trof­fen sind, wenn über­haupt.

All das haben wir durch­lebt, über­lebt, und kön­nen unend­lich vie­le Sto­ries erzäh­len dar­über. Kön­nen aus die­sen Sto­ries die Quint­essenz her­aus­fil­trie­ren, aus der wir die Stil­le, die Gelas­sen­heit, die Fül­le des Lebens, die Lie­be zum Leben durch uns hin­durch flie­ßen las­sen.

Gott, das Sein, den Daseins­grund, das Licht, Om Tat Sat, die Wahr­heit, Sat Chit Anan­da, all die Begrif­fe für das Eine, flie­ßen las­sen, geben, hei­ter und gelas­sen lächelnd, auf die Jugend bli­ckend, in schlich­ter Freu­de dar­über, dass sie wächst und gedeiht.

Ihnen das Bes­te geben wol­lend, was wir zu geben haben, uns, mit unse­rer kom­plet­ten Lebens­er­fah­rung.

 

 

Wei­ter­füh­ren­de Lite­ra­tur:

Ram Dass: Still Here: Embra­cing Aging, Chan­ging and Dying
Zal­man Schach­ter-Sha­lo­mi: From AGE-ING to SAGE-ING
Hen­ri J.M.Nouwen: Nimm sein Bild in dein Herz: Geist­li­che Deu­tung eines Gemäl­des von Rem­brandt (Die Rück­kehr des ver­lo­re­nen Soh­nes, eine Para­bel)