Inter­view Mar­ti­na und Tim 
Ques­ti­ons & Ans­wers

Wie ist es, als jun­ger Mann in der Aus­bil­dung zum Gesund­heits- und Kran­ken­pfle­ger zum ers­ten Mal dem Tod zu begeg­nen? Oder ist es über­haupt das ers­te Mal?

M: Erin­nerst Du ich noch an Dei­nen ers­ten Toten? Weißt Du noch, wer das war und wann?
Und an das Gefühl, das als ers­tes oder inten­sivs­tes auf­tauch­te?

T: Den ers­ten Toten habe ich gese­hen, als ich noch ein klei­nes Kind war, pri­vat, möch­te ich jetzt nicht näher drauf ein­ge­hen.

Im beruf­li­chen Kon­text war das ein paar Wochen nach Aus­bil­dungs­be­ginn in der Kran­ken­pfle­ge. Das inten­sivs­te Gefühl, an das ich mich erin­ne­re, war ein­fach KEIN Gefühl. Und das hat mich sehr sehr ver­wun­dert… da, auch durch Bücher, Medi­en, die ich gele­sen hat­te und die eher als eso­te­risch ein­zu­schät­zen sind, der Tod oft als etwas so Beson­de­res beschrie­ben, fast schon gehypt wur­de. Auch man­che Kol­le­gen, Freun­de, Leh­rer, z.B. der Pfle­ge­schu­le, haben oft von sehr beson­de­ren Erleb­nis­sen erzählt.
Und dann stand ich bei die­sem Toten und es war ein­fach nur still, es war ein­fach nichts.

Ich hat­te kei­nen Bezug zu die­sem Men­schen, aber ich hat­te auch kei­ne Abnei­gung, so ein Gefühl war gar nicht da. Es war ein­fach still.

Im Nach­hin­ein könn­te man das viel­leicht als Frie­den bezeich­nen. Aber in die­sem Moment gab es in mir nur Über­ra­schung über ‘kein Gefühl’.

In die­sen 3 Aus­bil­dungs­jah­ren habe ich wöchent­lich, in man­chen Pha­sen fast täg­lich mit Ster­ben­den oder auch Ver­stor­be­nen zu tun gehabt. Und das Grund­ge­fühl, Stil­le, Nichts, Frie­den, hat sich nicht geän­dert.

M: Die­sen ers­ten ver­stor­be­nen Men­schen, den Du wäh­rend der Aus­bil­dung gese­hen hast, hat­test Du den in den Tod beglei­tet, den Über­gang erlebt?

T: Nein, das war ein Mann, der auf der Sta­ti­on, in der ich mei­nen ers­ten Pra­xis­ein­satz hat­te, ver­stor­ben war und den ich mit einem Kol­le­gen in den Auf­bah­rungs­raum brach­te.

M: Tim, Du hast bestimmt auch eini­ge Men­schen erlebt, die in Dei­nem Bei­sein, viel­leicht sogar in Dei­nen Armen gestor­ben sind. Blieb da die­ses fried­li­che Gefühl? Die Wahr­neh­mung des ‘Nichts’?

T: Mhh… ja… Die Inten­si­tät der Stil­le ist dann noch viel höher. Wenn ich jeman­dem die Hand hal­te und füh­le und sehe, wie die Atem­fre­quenz lang­sam abnimmt, der Puls run­ter geht, der Blut­druck auch, wobei der Puls geht tat­säch­lich manch­mal erst noch hoch, aber es ist fühl­bar, die­ser Mensch haucht gera­de das Leben aus.

Ich will die­se Momen­te nicht als emo­tio­nal beschrei­ben, aber sie sind sehr inten­siv.

Es kann auch sein, obwohl ich zwar zu gar kei­nem Pro­zent per­sön­lich davon betrof­fen bin, aber dass Emo­tio­nen wie Trau­er oder Schmerz durch mich flie­ßen.
Das Grund­ge­fühl, gera­de in die­sen Momen­ten, wenn der Mensch den letz­ten Atem­zug aus­ge­haucht hat, und ich sehe, jetzt kommt kein Ein­at­men mehr…das war’s…das Grund­ge­fühl Frie­den, Stil­le, Lee­re, bleibt.

M: Hast du schon mal erlebt, dass nach so einem Moment, indem du das Gefühl hat­test, jetzt kommt kein Ein­at­men mehr, dann doch noch­mal ein Ein­at­men kam?

T: Ja. Da habe ich mich dann etwas per­sön­lich erschro­cken. Aber, die­se Atem­aus­set­zer sind ja teil­wei­se bis zu einer Minu­te lang und dann kommt trotz­dem noch einer — genau wie du gesagt hast. Und dann war der letz­te Atem­zug dann wirk­lich 2–3 Minu­ten spä­ter.

Was ich fast am inter­es­san­tes­ten an dem Gan­zen emp­fin­de, ist der Kon­trast zwi­schen den Men­schen um mich her­um. Ent­we­der macht man ein gro­ßes Ding dar­aus. Da wird dann eso­te­risch, spi­ri­tu­ell ganz viel hin­ein­in­ter­pre­tiert.
Oder, ganz anders, man hat Angst über­haupt in das Zim­mer zu gehen. Und ich soll­te am Anfang der Aus­bil­dung mög­lichst auch nicht in ‘Ster­be­zim­mer’ gehen. Ich war ja noch Aus­zu­bil­den­der.
Dann habe ich mich bald hin­ein gedrän­gelt, ich woll­te ger­ne dabei sein, war neu­gie­rig. Ich hat­te zu der Zeit schon das Gefühl, dass die meis­ten in die­se, per defi­ni­tio­nem doch sehr ein­fa­che Situa­ti­on — ein Mensch stirbt — alles mög­li­che hin­ein­pro­ji­ziert haben. Posi­tiv, nega­tiv, eige­ne Ängs­te, eige­ne Sehn­süch­te.
Und für mich war es ein­fach immer sehr still und eher hei­ter.

Auch in der Auf­bah­rung, in der ich teil­wei­se täg­lich war und auch meist eini­ge Zeit ver­bracht habe, um zu medi­tie­ren und um für die Ver­stor­be­nen Gebe­te zu spre­chen, hat­te ich nicht ein ein­zi­ges Mal das Gefühl, dass hier etwas schief gelau­fen wäre.

Manch­mal, wenn dort ein jun­ger Mensch, viel­leicht ein 15-jäh­ri­ger Jugend­li­cher oder ein jun­ger Erwach­se­ner lag, war es etwas anders, ein wenig.
Dann dach­te ich mir: So Tim, ein biss­chen Mit­ge­fühl. Irgend­et­was musst du doch jetzt mal füh­len! Das ist doch schreck­lich! Aber ich konn­te es nie fin­den.

Klei­ne Schre­ckens­mo­men­te waren da, wenn jemand das glei­che Geburts­da­tum wie ich hat­te.
Das geschah dann, wenn der Ver­stor­be­ne noch­mal anders gebet­tet oder die Klei­dung zurecht gemacht wer­den muss­te. Wenn dann mein Blick auf das Pati­en­ten­arm­band fiel und ich dort mein eige­nes Geburts­jahr sah.
Das waren die ein­zi­gen Momen­te, in denen ich per­sön­lich kurz zusam­men­ge­zuckt bin.
Der Gedan­ke: Ok, klar. Ich könn­te der nächs­te sein, kam sofort.
Und: Ich weiß ja nichts. Alles ist immer die pure Unsi­cher­heit.

Aber sonst war es wirk­lich immer sehr fried­lich, sehr still, eher hei­ter, kei­ne Pro­ble­me, gar nichts.

M: Hast du mal erlebt, dass jemand rich­tig gekämpft hat im Ster­ben? Mit Atem­not, sich weh­ren mit Hän­den und Armen oder Ähn­li­ches?

T: In den meis­ten Fäl­len wur­de die pal­lia­ti­ve Sedie­rung (Beru­hi­gungs­mit­tel, die gleich­zei­tig die schlimms­ten Sym­pto­me unter­drü­cken) ange­wen­det, weil das die
Pati­en­ten und auch die Ange­hö­ri­gen so gewünscht hat­ten.

Da war es eher so ein Hin­ein­füh­len.

Ich stand am Bett und die Bewe­gun­gen waren nur noch klein. Und ich merk­te, wie dar­un­ter gera­de jemand noch kämpft. Wie er emo­tio­nal, see­lisch, wie auch immer, kämpft. Äußer­lich, als ech­te Akti­on, habe ich es nur ein­mal im Hos­piz erlebt, da ist der­je­ni­ge tat­säch­lich noch ein­mal auf­ge­stan­den.
Er lag schon im Ster­be­bett und ich dach­te, jetzt ist es bald soweit. Und dann stand er auf und rann­te durchs Zim­mer von links nach rechts, leg­te sich wie­der hin und stand wie­der auf. Das wirk­te nach außen sehr ein­drück­lich.

M: Hat­test du in die­sem Moment die Inten­ti­on, etwas tun zu wol­len, ihn beru­hi­gen zu wol­len? Oder hast du ein­fach inter­es­siert oder mit­füh­lend zuge­schaut?

T: Mei­ne Sor­ge war eher, dass er sich weh tut oder stürzt. Ich weiß nicht, ob es ein natür­li­ches Gefühl war, oder das Wis­sen um die Ster­be­pha­sen, ohne dass ich sie aus­wen­dig im Kopf hat­te. Es war gut zu wis­sen, dass es ver­schie­de­ne Pha­sen gibt.

Die­se Pha­sen­theo­ri­en (Eli­sa­beth Küb­ler-Ross, z.B.) zei­gen ja: Du kannst in einem Moment gera­de noch das Gefühl haben: Ah, ich glaub, ich lass jetzt los. Jetzt ist alles in Ord­nung, ich kann gehen. Und plötz­lich denkst du: Nein! Ich kann das nicht. Ich will nicht. Wut wech­selt mit Hin­ga­be. Aggres­si­ver Pro­test mit stil­lem Wei­nen, mit Glück­se­lig­keit. Das kann alles gesche­hen und nur 10 Sekun­den aus­ein­an­der lie­gen.

M: Du sag­test, dass bei Euch häu­fig pal­lia­ti­ve Sedie­rung gege­ben wur­de. Wie war das im Kol­le­gen­kreis? Wie wur­de dar­über gespro­chen? Fand das jemand nicht gut?

T: Ich weiß nicht, ob es an unse­rem Kran­ken­haus liegt, in dem ja ver­sucht wird das Mensch­li­che zu bewah­ren. In den meis­ten Fäl­len war es so, dass, wenn es irgend­wie mög­lich war, sich die Schwes­tern und Kran­ken­pfle­ger um den Ster­ben­den geküm­mert haben. Ich habe das in mei­ner Zeit dort als halb­wegs ent­spannt emp­fun­den. Sie schie­nen zumin­dest kei­ne Wider­stän­de dage­gen zu haben. Ich bekam durch eini­ge Gesprä­che mit den Ange­hö­ri­gen mit, dass die­ses Ange­bot sehr dank­bar ange­nom­men wur­de.

M: Du hast gera­de gesagt, dass du im Hos­piz jeman­den beglei­tet hast, der dann noch so unru­hig war. Es scheint mir, dass der Unter­schied zwi­schen der Hos­piz- und der Pal­lia­tiv­pfle­ge ist, dass man in der Pal­lia­tiv­pfle­ge viel eher eine ter­mi­na­le Sedie­rung beginnt und im Hos­piz, auch oder gera­de, weil es ein anthro­po­so­phi­sches Hos­piz war, in dem ich gear­bei­tet habe, es doch immer vie­le Dis­kus­sio­nen dar­über gab. Gera­de unter den Pfle­ge­kräf­ten. Eini­ge woll­ten par­tout gar nicht, dass jemand sediert wird, weil dann ja das Bewusst­sein schwän­de und das höchs­te Wol­len immer zum bewuss­ten Ster­ben ging.

Das wird damit natür­lich unter­bun­den in einer Form.

Und Du sag­test, dass Du oft den Ein­druck hat­test, dass da ’noch jemand ist’ unter die­ser Sedie­rung, jemand der kämpft — die­se Erfah­rung habe ich auch gemacht. Es kann tat­säch­lich in man­chen Fäl­len der Ein­druck ent­ste­hen, dass Sedie­rung eher für das Äuße­re, die Ange­hö­ri­gen, sogar die Pfle­ge­kräf­te wich­tig ist.

T: Das war jetzt auch mein ers­ter Gedan­ke. Weil es, das Zuse­hen, oft nicht mehr aus­halt­bar scheint, mit der eige­nen Sterb­lich­keit, dem eige­nen Leid kon­fron­tiert.

Und im Hos­piz hast Du auch ein­fach einen ganz ande­ren Pfle­ge­schlüs­sel. Als ich im Hos­piz gear­bei­tet habe, hat­te ich in 8 Stun­den 2 Pati­en­ten zu betreu­en. Das war natür­lich viel Zeit, im Kran­ken­haus waren es dann 16.

Wenn davon einer ster­bend war, und es gab even­tu­ell zusätz­lich einen per­so­nel­len Eng­pass, konn­te ich nicht alle 5 Minu­ten in die­ses Zim­mer gehen, um nach ihm zu schau­en. Geschwei­ge denn mich hin­set­zen, um sei­ne Hand zu hal­ten oder ein­fach nur da zu sein.

M: Die­se Situa­ti­on in Dei­ner Kind­heit, die Du vor­hin erwähnt hast, wie war das genau, was war da das Gefühl, das Du am bes­ten erin­nerst?

T: Das war mein Opa, und damals war ich schon jun­ger Erwach­se­ner, viel­leicht 17, und das Gefühl, das ich hat­te, war ein biss­chen rebel­lisch, weil ich damals schon gedacht habe, nee, ich mache bei die­sem ‘Trau­er­zeug’ nicht mit. Der Tod ist Teil des Lebens, und die­ser Mensch hat ein vol­les inten­si­ves Leben gehabt. Und jetzt ist er gegan­gen.

Ich hab’ mir kein schwar­zes, son­dern ein knall­ro­tes Hemd ange­zo­gen, weil ich sicher war, wenn ich ster­be, will ich das so nicht.

Natür­lich, wenn jemand trau­rig ist, wenn es weh tut, dann muss das auch gefühlt wer­den dür­fen. Aber nicht die­ses künst­li­che ‘mein Bei­leid’. Wenn ich kein Leid füh­le, und den­noch so eine gedrück­te Stim­mung ent­steht, obwohl die Men­schen, die auf der Beer­di­gung anwe­send sind, gar kei­ne rich­ti­ge Bezie­hung zu die­sem Men­schen hat­ten, sowas woll­te ich nicht! Es ist fast schon Scham, wenn es mir trotz­dem gut geht.


Hier schlie­ßen wir. Und las­sen die­ses Gespräch für Euch ein­fach so ste­hen. Fragt, erzählt, zeigt uns, was Ihr denkt.

Wir, Tim und Mar­ti­na, ken­nen uns inzwi­schen 5 Jah­re. Begeg­net sind wir uns das ers­te Mal in einer Wan­der­wo­che in den Alpen. Unter Lei­tung von Fedel­ma und Sebas­ti­an Gron­bach.

Tim war einer der ers­ten Bewoh­ner des Ashrams in Wacht­berg und Mar­ti­na kam 2017 dazu.
Vie­les haben wir mit­ein­an­der erlebt und reich­lich gelernt. Und so war auch die­ses Inter­view, was sich ziem­lich schnell in ein sehr inter­es­san­tes Gespräch wan­del­te. Und wir haben ent­deckt, dass wir eine sehr ähn­li­che Wahr­neh­mung die­ses The­mas haben.