Gerd — Jahr­gang ’73, Lun­gen­krebs — Gamer, User, so nann­te er sich.

Ein ein­sa­mer Mann — nur sei­ne Schwes­ter kam ihn halb­wegs regel­mä­ßig besu­chen, ab und zu mal ein Freund, der ein­zi­ge, den er hat­te, so sag­te er.

Der Fern­se­her lief Tag und Nacht. Net­flix — Fil­me, Seri­en. Er woll­te nicht an das den­ken, was mit ihm war, woll­te kei­ne Gesprä­che, ganz sel­ten stan­den ihm Trä­nen des Unver­ständ­nis­ses, der Ent­täu­schung in den Augen.

Es gab nur eins, das er lieb­te, genoss und in des­sen Ver­lauf er sich ein wenig öff­ne­te, ein biss­chen erzähl­te, von sich, sei­nem Leben, sei­nen Sor­gen: Berüh­run­gen, Ein­rei­bun­gen, Mas­sa­gen.

Er mel­de­te sich nur sel­ten, und wenn, dann nur, wenn er die Luft­not nicht mehr aus­hal­ten konn­te. Lan­ge Erklä­run­gen, Ermun­te­run­gen unse­rer­seits hal­fen nicht.

Am letz­ten Sonn­tag hat­te ich mit mei­nen Kol­le­gin­nen bespro­chen, dass ich mehr Zeit für ihn haben woll­te, er schien schon am frü­hen Mor­gen schwä­cher, blei­cher, atem­lo­ser als in den Tagen zuvor.

Als ich zum zwei­ten Mal in sein Zim­mer kam an die­sem Tag, saß er im Schnei­der­sitz im Bett und hat­te sich weit über sei­ne Bei­ne nach vor­ne gebeugt, sei­ne Sauer­stoff­bril­le abge­nom­men und neben sich gelegt. Das gab mir die Mög­lich­keit, sei­nen Rücken groß­flä­chig und aus­gie­big ein­zu­ölen und zu mas­sie­ren.

So mach­ten wir wei­ter, mit viel Zeit, viel Ruhe, und sehr inten­siv. Sein lin­kes Bein war stark geschwol­len, die Lym­phe floss nicht mehr ab. Bir­ken­öl und eine ent­stau­en­de Ein­rei­bung nach Ita Weg­man kann das lin­dern.

Je län­ger wir so gemein­sam arbei­te­ten, er und ich, des­to mehr erzähl­te er.

Ich hat­te so vie­le Mög­lich­kei­ten! So vie­le Chan­cen, die ich alle habe ver­strei­chen las­sen. Bin immer den leich­te­ren Weg gegan­gen. Und nun soll ich gehen, mit 44? Es tut mir so leid. Was kann ich denn jetzt noch tun?”

Ver­zweif­lung, Trau­er, Sinn­lo­sig­keit, all das schwang in sei­nen Wor­ten, spie­gel­te sich in sei­nem Gesicht.

Mir fiel das Ver­ge­bungs­ri­tu­al ein und die wun­der­ba­ren Wor­te aus “Blick in die Ewig­keit”:

 

Du bist zutiefst geliebt”

 

Er ent­spann­te sich. Schlief erschöpft ein.

Am nächs­ten Tag, gegen Mit­tag, ich woll­te ihm das Buch brin­gen, ihm dar­aus vor­le­sen, die Stel­le, die ich am Vor­tag zitiert hat­te — war er gera­de gestor­ben.

 

Die Beschäf­ti­gung mit dem Tod, ins­be­son­de­re mit dem eige­nen Tod, beun­ru­higt jeden Men­schen zutiefst – ob er sich dies ein­ge­steht oder nicht. Aus einer Viel­zahl psy­cho­lo­gi­scher Unter­su­chun­gen wis­sen wir heu­te, dass die Angst vor dem Tod so etwas wie einen unwan­del­ba­re Kon­stan­te in unse­rem See­len­le­ben ist, die auch durch wie­der­hol­ten Umgang mit Ster­ben­den und Trau­ern­den nicht ver­lo­ren geht.“

(Johann-Chris­toph Stu­dent, Anne­do­re Napi­wotz­ky: Was braucht der Mensch am Lebens­en­de? Ethi­sches Han­deln und medi­zi­ni­sche Mach­bar­keit)

Wie lässt sich dies erklä­ren? Auch auf die­se Fra­ge hal­ten die Psy­cho­lo­gen heu­te eine Ant­wort bereit: Ange­sichts des Todes pral­len in uns zwei dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setz­te Impul­se auf­ein­an­der: Einer­seits tra­gen wir – wie jedes Lebe­we­sen – in uns einen sehr vita­len Über­le­bens­wil­len. Die­ser Instinkt befiehlt uns, alles dar­an­zu­set­zen, damit wir unser Leben erhal­ten und ret­ten. Ande­rer­seits aber wis­sen wir – im Unter­schied zum Tier – dass wir eines Tages ster­ben wer­den, also unser Instinkt der Rea­li­tät unter­lie­gen wird. Das Auf­ein­an­der­pral­len die­ser wider­sprüch­li­chen Impul­se in uns erzeugt eine abgrund­tie­fe Angst.“

(Johann-Chris­toph Stu­dent: Das Hos­piz Buch)

 

Seit 1992 arbei­te ich im Bereich der hos­piz­li­chen Ster­be­be­glei­tung, war damals eine der ers­ten ehren­amt­li­chen Beglei­te­rin­nen, die in der gera­de in Grün­dung ste­hen­den Hos­piz­in­itia­ti­ve Kiel geschult wur­den. Schon damals hieß es:

- wir müs­sen das Ster­ben wie­der mehr ins Leben brin­gen -

Seit­dem sind eini­ge Jah­re ver­gan­gen und immer noch herr­schen Unwis­sen­heit, Angst und Fehl­in­for­ma­ti­on. Ich schu­le vie­le Men­schen, die seit Jahr­zehn­ten in der Pfle­ge und Betreu­ung mit Ster­ben­den arbei­ten und tref­fe immer noch auf genau das: ANGST. Unsi­cher­heit, Fehl­in­for­ma­ti­on. Angst davor, Feh­ler zu machen, zu viel zu sagen, zu wei­nen, etc.

Gebo­ren wer­den und Ster­ben sind zwei Ereig­nis­se, die jeden Men­schen betref­fen und in den meis­ten Fäl­len dann am Bes­ten ablau­fen, wenn sie von außen nicht wesent­lich gestört wer­den.

Über das Ster­ben“ — Das Buch von Gian Dome­ni­co Bor­a­sio — “Es geht heu­te mehr um das Wie­der­ent­de­cken des lie­be­vol­len Unter­las­sens und des natür­li­chen Todes” — räumt auf. Mit dem Irr­glau­ben, dass das Men­schen­le­ben unend­lich ist.

Es wur­de von der Zeit­schrift Bild der Wis­sen­schaft als Wis­sens­buch des Jah­res 2012 in der Kate­go­rie „Zünd­stoff“ aus­ge­zeich­net und es ist in sei­ner Ein­fach­heit und den­noch Kom­ple­xi­tät für jeden geeig­net.

Wir haben gro­ße Lust, mit Euch über die­ses bewe­gen­de The­ma zu spre­chen und zu hören, wie es Euch damit geht.

Erzählt, teilt, fragt.

Hast Du schon jeman­den beglei­tet? Einen Freund oder ein Fami­li­en­mit­glied?
Wie geht es Dir mit der Angst vor dem Ster­ben?

 

Stu­dent, Johann-Chris­toph:

Was braucht der Mensch am Lebens­en­de? Ethi­sches Han­deln und medi­zi­ni­sche Mach­bar­keit. Kreuz Ver­lag, Stutt­gart 2007, ISBN 978–3‑7831–2880‑2.