Die Eine Frau lebt in all den Mil­li­ar­den Frau­en die­ser Erde. Sie ist die­je­ni­ge, die alle Erfah­run­gen durch­lebt, durch­liebt und durch­lit­ten hat, die Frau­en seit Anbe­ginn des Mensch­seins jemals gemacht haben. Sie ist jede von uns und jede ist sie. Wir leben und ster­ben in ihr und sie lebt und stirbt als wir. Durch all die viel­fäl­ti­gen und präch­ti­gen Facet­ten einer jeden indi­vi­du­el­len Per­sön­lich­keit hin­durch schaut sie durch die Augen einer jeden Frau. Sie ist es, die jede Berüh­rung auf ihrer Haut fühlt, die ihre Brust im Atem rhyth­misch heben und sen­ken lässt, in den Flu­ten ihrer über­flie­ßen­den Emo­tio­nen ver­sinkt und in den Wel­len lust­vol­ler Eksta­se und unend­li­chen Schmer­zes ver­geht. Auf die­ser tiefs­ten Ebe­ne gibt es nur eine Ein­zi­ge von uns. Alle Frau­en die­ser Welt bil­den die Glie­der und Orga­ne ihres gött­li­chen Lei­bes und jede ist gleich­zei­tig eine in sich voll­kom­me­ne Inkar­na­ti­on von ihr.

Doch wann immer GEIST sich ent­schei­det, sich zu inkar­nie­ren und aus der Ein­heit in die Tren­nung durch die Begren­zun­gen eines irdi­schen Kör­pers zu gehen, ist dies bei aller Anmut und Erha­ben­heit auch mit der Erfah­rung eines abso­lu­ten Urschmer­zes ver­bun­den. Und so erlebt GEIST auch als die Eine Frau in jeder und als jede von uns zwei grund­le­gen­de trau­ma­ti­sche Urer­fah­run­gen, wenn sie sich ent­schei­det, sich selbst auf die­se Erde zu gebä­ren. Jede von uns hat die­se Wun­den tief in ihrem Kör­per­ge­dächt­nis ein­ge­spei­chert, auch wenn unse­re indi­vi­du­el­le Geschich­te in ihren Details ganz anders ver­lau­fen ist und die Struk­tu­ren, die die­se Dyna­mi­ken in Gang set­zen, in eini­gen Tei­len der Welt nicht mehr so aus­ge­prägt sind.

Die ers­te Erfah­rung, die ihr gesam­tes Füh­len, Den­ken und Ver­hal­ten von Grund auf prä­gen wird, ist die Erfah­rung des fun­da­men­ta­len Aus­ge­lie­fert­seins. Sie bemerkt schon früh in ihrem Leben, dass sie der Hälf­te der Mensch­heit, näm­lich allen Men­schen männ­li­chen Geschlechts inso­fern unter­le­gen ist, dass sie ein­fach nicht über die glei­che phy­si­sche Stär­ke ver­fügt und auch als aus­ge­wach­se­ne Frau nie­mals ver­fü­gen wird. Sie kann tief in ihrem Inne­ren füh­len, dass ein Mann sie jeder­zeit mit Leich­tig­keit kör­per­lich miss­brau­chen und töten könn­te und er zudem in vie­len Tei­len die­ser Welt auch die Macht und das Recht dazu hät­te. Sie erfährt noch immer die Rea­li­tät patri­ar­cha­li­scher Macht­struk­tu­ren, in denen Män­ner sowohl juris­tisch, poli­tisch und sozi­al als auch wirt­schaft­lich ein­deu­tig bevor­teilt wer­den und Frau­en als Men­schen zwei­ter Klas­se gel­ten. Die­se Erfah­rung des grund­le­gen­den Man­gels an kör­per­li­cher Stär­ke und Wert­schät­zung ihres Daseins erschüt­tert sie zutiefst in ihrem Selbst­ver­ständ­nis und lässt sie unzu­läng­lich und unter­le­gen füh­len. Aus die­ser Urer­fah­rung wird das Opfer­be­wusst­sein der Frau gebo­ren, eine unbe­wuss­te und macht­vol­le kol­lek­ti­ve Struk­tur, die im wei­te­ren Ver­lauf ihres Lebens einen wesent­li­chen Teil des weib­li­chen Egos bil­det. Aus dem schreck­li­chen Schmerz die­ser erleb­ten Ohn­macht sucht sie die Gesell­schaft mit ande­ren Frau­en. In die­ser Gemein­schaft kann sie Schutz und Gebor­gen­heit erfah­ren und trifft auf das Ver­ständ­nis und Mit­ge­fühl ihrer eben­falls betrof­fe­nen Geschlechts­ge­nos­sin­nen, mit denen sie sich über ihre trau­ma­ti­schen Erfah­run­gen aus­tau­schen kann.

Dass die­se Gemein­schaf­ten jedoch auf­grund von inne­rer Not, eines gemein­sa­men Opfer­da­seins und Angst ent­stan­den sind und nicht auf der Basis von frei­er Lie­be und Ver­bun­den­heit, kann man sehr schnell dar­an sehen, wie die­sel­ben Frau­en sich zuein­an­der ver­hal­ten, wenn die Män­ner wie­der mit ins Spiel kom­men und eine ande­re grund­le­gen­de Dyna­mik des Weib­li­chen ein­setzt. Die schwes­ter­li­che Soli­da­ri­tät schlägt dann oft in erbit­ter­te Riva­li­tät und gif­ti­ge Sti­che­lei­en um, denn die ande­re Urer­fah­rung ist eine genau ent­ge­gen­ge­setz­te: Mit dem Beginn des Erwa­chens ihrer weib­li­chen Rei­ze bemerkt sie auf ein­mal, dass genau die Hälf­te der Mensch­heit, der gegen­über sie sich zuvor in so vie­ler­lei Hin­sicht benach­tei­ligt und unter­le­gen füh­len muss­te, wie ver­zau­bert auf ihre weib­li­che Prä­senz reagiert. Sie bemerkt, dass ihre sexu­el­le Aus­strah­lung wie eine Art Dro­ge zu sein scheint, denen die Män­ner und auch schon Jun­gen ab einem gewis­sen Alter heil­los erle­gen sind. Sie ent­deckt damit eine neue Quel­le der Macht in sich und lernt schnell, dass sie die­se auch gezielt zu ihrem Schutz und zu ihrem eige­nen Vor­teil ein­set­zen kann. Sie bemerkt, dass sie schon mit einem ein­zi­gen unschul­dig-las­zi­ven Augen­auf­schlag und lieb­rei­zen­den Lächeln die schlecht zusam­men­ge­zim­mer­te Not­lü­ge an den Mann brin­gen kann, die sie vor unan­ge­neh­men Kon­se­quen­zen schützt. Ein tie­fer Aus­schnitt ver­schafft ihr die Auf­merk­sam­keit und Wert­schät­zung ihres Leh­rers und ein hei­ßer Flirt mit dem Chef beschleu­nigt die ersehn­te Beför­de­rung. Auch in ihrer Bezie­hung merkt sie, dass das geziel­te Vor­ent­hal­ten von Sex ein Druck­mit­tel sein kann, um von ihrem Mann das von ihr gewünsch­te Ver­hal­ten her­bei zu mani­pu­lie­ren, da sie weiß, dass fast aus­nahms­los jeder Mann zu sehr vie­len Zuge­ständ­nis­sen bereit ist, um Sex zu bekom­men. (Natür­lich ist hier nicht impli­ziert, dass das rich­ti­ge Ver­hal­ten einer Frau daher im Umkehr­schluss sein soll­te, jedem sexu­el­len Ver­lan­gen ihres Man­nes aus­nahms­los nach­zu­ge­ben, unab­hän­gig davon, ob es sich für sie gut und stim­mig anfühlt oder nicht. Die Rea­li­tät zeigt auch oft genug, dass eine Frau sich tat­säch­lich sexu­ell nicht öff­nen kann, weil sie sich von ihrem Part­ner nicht tief genug geliebt und gese­hen fühlt oder unver­ar­bei­te­te schmerz­haf­te Erfah­run­gen sie dar­an hin­dern. Hier ist wirk­lich nur der Anteil in einer Frau gemeint, der bewusst oder unter­be­wusst mit ihrer sexu­el­len Macht mani­pu­lie­ren will.) Wofür und wie auch immer sie das Geschenk ihrer weib­li­chen Qua­li­tä­ten zur Mani­pu­la­ti­on ein­setzt: Sie spürt ein­fach, dass sie es mit der Wahr­heit nicht so genau zu neh­men braucht, weil sie von irgend­ei­nem Mann immer das bekom­men wird, was sie will. Die­se Urer­fah­rung gibt ihr das Gefühl von göt­tin­nen­glei­cher Macht und Über­le­gen­heit und bil­det den zwei­ten wesent­li­chen Teil des weib­li­chen Egos. Denn selbst­ver­ständ­lich fühlt sie sich berech­tigt, so zu han­deln, da ihr der Urschmerz ihrer ers­ten Erfah­rung fun­da­men­ta­ler Macht­lo­sig­keit kei­ne Wahl zu las­sen scheint.

So chan­giert die mit die­sen Erfah­run­gen iden­ti­fi­zier­te Frau immer wie­der zwi­schen genau die­sen bei­den Zustän­den hin und her, die sich gegen­sei­tig unheil­voll bestär­ken und zwei Sei­ten der glei­chen gespal­te­nen Schlan­gen­zun­ge bil­den: Die eine Sei­te trägt den Namen „Opfer“ und die ande­re Sei­te trägt den Namen „Göt­tin“. Nun ist jede Frau tat­säch­lich ein rea­les Opfer der Umstän­de und genau so auch eine rea­le und voll­kom­me­ne Ver­kör­pe­rung der Göt­tin. Doch wenn sie ihren Opfer­sta­tus dazu benutzt, um ande­re mit ihren weib­li­chen Gaben zu mani­pu­lie­ren, macht sie das nicht zur Göt­tin, son­dern zur (Mit-)Täterin, die eine fal­sche Ver­bun­den­heit zu Män­nern auf­baut und ihren Geschlechts­ge­nos­sin­nen in den Rücken fällt, sobald sie zu ver­meint­li­chen Kon­kur­ren­tin­nen um die Gunst eines Man­nes wer­den könn­ten.

Was bringt die Erlö­sung aus die­sem leid­vol­len Zustand und wie kann eine Hei­lung der Grä­ben zwi­schen den Geschlech­tern und den Frau­en unter sich aus­se­hen? Was bringt unse­re weib­li­che Kraft zum Leuch­ten und lässt uns in geleb­ter, täti­ger Lie­be zuein­an­der und zur Welt erstrah­len?

FORTSETZUNG FOLGT